BlogBattle No. 12 – Phobie

Ich habe Angst vor dir, Angst, verdammt… Angst ist gut. Angst beschützt. Angst hilft, vor vielen bedrohlichen Dingen einen gesunden Abstand zu halten. Angst ist…  Eine Phobie. Doch Phobie ist nicht gleich Angst. Phobie ist die Erweiterung der Angst. Phobie ist der seelische Knacks. Ausgelöst durch Ereignisse,  ausgelöst durch Erinnerungen, ausgelöst und verstärkt durch natürliche Instinkte. Ausgelöst durch Erziehungsmethoden und medialer Berieselung.

Interessant ist die Phobie vor langen Wörtern. Denn der Begriff dazu Hippopotomonstrosesquippedaliophobie ist ebenfalls angsteinflössend. Beängstigend, wenn man seine Angst nicht einmal beim Namen nennen kann. Dabei ist das doch gerade wichtig, um sich dieser stellen zu können. Angst ist nicht mehr oder weniger als eine Kopfsache. Und was im Kopf vorgeht, kann selbst durch einen selbst korrigiert werden, zumindest in den meisten Fällen. Man kann sich der Angst stellen und lernen, dass lediglich ein gesunder Respekt vonnöten ist. Soviel dazu.

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Meine spezielle Phobie ist nicht in diversen Listen aufgeführt. Weder in Wikipedia – auch wenn ich hiermit wieder jemand gegen den Strich pinsele – noch in anderen diversen Nachschlagewerken wie dieser Phobienliste oder auch eben jener. Nein, ich bin schon speziell und ebenso ist meine Phobie auch sehr speziell.

Bei mir heißt es nicht wie in einem bekannten Filmzitat frei ausgedrückt “Ich sehe tote Menschen”, nein, damit kann ich umgehen. Tote Menschen habe ich schon viele gesehen, von einer Straßenbahn zerfleischte Körper, die in grotesker Haltung rumliegen. Irgendwie hat mich das als Kind schon nicht schockiert. Langweilig. Mit der Höhe kann ich ebenso gut umgehen. Ich habe einen gesunden Respekt vor dieser und einen noch gesunderen vor einem freien Fall. Ich würde es pauschal als Überlebensinstinkt bezeichnen. Als Respekt.

Ansonsten ist meine Ekelgrenze ebenfalls sehr niedrig. Du ekelst dich vor gar nichts – das mag nicht so ganz stimmen, doch kommt es dem schon sehr nahe. Vor vielen Dingen habe ich einen gesunden Respekt, die natürliche Furcht. Doch keine Angst davor, schon gar keine Phobie. Nur diese eine bestimmte Sache löst bei mir Panikattacken aus, lässt mich schreien und flüchten.

Dabei fing es wahrscheinlich ganz harmlos an. Auch ich habe irgendwo eine Familie. Die war auch schon mal größer, doch wie es immer so ist, das Alter kommt irgendwann und damit auch Gevatter Tod, der sich das eine oder andere Mitglied dieser Familie schon mal holt. Da ich zu vielen Menschen schon immer einen gesunden Abstand halte, trifft mich das auch nicht sonderlich.

Doch als Kind kann man sich das leider nicht aussuchen. Da wird man von den Erziehungsberechtigten überall und irgendwohin hingeschleift und soll dann da auch übernachten – so auch zu meiner Urgroßtante – R.I.P. Ich mochte die alte Dame wirklich bis zu jener schicksalhaften Nacht, bis zu jenem Morgen, der das Grauen in mir weckte. Ich schlief im Wohnzimmer auf der Couch – wo man Kinder halt so ablegt. Und urplötzlich, im frühen Morgen stolzierte die alte Frau, jenseits der 70 und schon mit dem Geruch nach vergammelten Fleisch, was alte Leute so an sich haben, in ihrer Unterwäsche, die sehr spartanisch war, durch das Zimmer hindurch gen Morgentoilette.

Man sah alles und es war, es ist wie beim Unfall – man kann nicht wegsehen, obwohl man nichts sehen möchte. Und ich sah alles. Die ganze faltige Haut, das hängende Fleisch – oh, schon die Erinnerung daran, ich brauch ne Kaffeepause – einfach der ganze schon faulende Mensch. Eine nackige alte Frau – es weckt das Grauen in mir…

Nein, es ist nicht die Angst vor dem Alter und schon gar nicht vor dem alt werden. Ich betrachte das als natürlichen Prozess. Nur der Anblick von alten, nackigen Menschen ist für mich das furchtbarste auf der Welt. Und nun stellt euch den Schock vor, der eintritt, wenn ich auf dem Balkon stehe, eine Zigarette schmöke und zufällig auf ein Fenster gucke, hinter dem sich Oma Erna freizügig umkleidet. Dass die alten Schachteln aber auch immer so freizügig sein müssen, die alten Säcke ebenso … Deswegen könnte ich nie im Altersheim arbeiten und bewundere die, die es können.

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Schließen wir das Ganze mit dem schlauen Spruch eines Despoten und Idioten:

Das einzige, wovor man Angst
haben muss, ist die Angst selber.
(© Franklin Delano Roosevelt)

Die anderen Teilnehmer:

1. Schakal mit seinen Gedankenwelten
2. Ichigo Komori mit ihrem “The music box of a morbig wonderland”
3. Das Wetterschaf mit Schafen, Wetter und so
4. Der DychterFyrst – mit seiner Buchstabensuppe
5. Sebastian vom Pal-Blog
6. Mary von indubioprorea
7. Chelsea mit ihren vielen Dingen
8. Justine von Justine
9. und selbstbrüllend Ich, the Lord himself – hier und nur an dieser Stelle

 

 

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9 Responses to BlogBattle No. 12 – Phobie

  1. Sieh mal einer an, das war mir gar nicht so bewusst bei dir. Aber ich kann dich irgendwo auch verstehen, denn ich sehe deine Phobie ähnlich wie bei mir der Ekel vor wirklich fettleibigen Menschen – nur eben eine Spur schlimmer…

    Wie dem auch sei, heute gibt es von mir die Note 1 für diesen netten und schlichten Eintrag.

  2. Ich muss ichigo zustimmen – seid meinem Mitbewohner sind es bei mir auch dicke Menschen …
    Mal wieder eine 1 – du solltest Sammler werden!

  3. Schakal sagt:

    Auch von mir ne 1. Ich kann diese Phobie gut nachvollziehen. Mich ekelt solche Anblicke auch an.

    Meine anderen Wertungen:

    Ichigo: 1
    Wetterschaf: 2
    Mary: 1
    Justine: 1
    Chelsea: 2+
    Sebastian: 3-

    Dychterfryst wird wohl erstmal nicht (mehr) mitmachen, da er privat und beruflich stark eingespannt ist derzeit.

  4. Mary sagt:

    Kann deine Meinung vollstens verstehen, alte schrumpelige Menschen sind ein Grund zum Wegrennen.
    1-

    Die anderen Wertungen

    Schakal: 2+
    Ichigo: 1
    Wetterschaf: 3
    Dychter: ?
    PAL: 1
    Chelsea: 2
    Justine: 2+

  5. Sebastian sagt:

    Der Lord hat tatsächlich vor etwas Angst!
    Zwei plus
    Schakal: zwei plus
    Ichi: zwei plus plus
    Schaf: zwei
    Chelsea: eins
    Justine: eins minus
    Mary: zwei plus
    Vom Dichter habe ich noch nichts gesehen.

  6. Schon interessant, aber bei weitem nicht so gut wie deine letzten Beiträge. Ich muss immer noch grinsen wenn ich an deinen Beitrag zum Thema Blut denke :-)
    Ich gebe Dir dieses Mal eine 2

    Wetterschaf 3
    Pal 1
    Mary 1
    Ichi 1
    Schakal 1
    Justine 1-

  7. Wetterschaf sagt:

    Grauenvoll. Was passiert, wenn du selber einmal ein hohes Alter erreichen solltest und dich im Spiegel anschaust?

    Du: 1-
    Schakal: 1+
    Ichigo: 1
    PAL: 1+
    Mary: 2+
    Chealsea: 1-
    Jü: 1-
    (Ich selbst würde mir eine 5 geben :D )

    Nachdem ich alle gelesen habe, muss ich feststellen, dass hier vorwiegend nur Misanthropen unterwegs sind. Zum Glück spiegelt das nicht den Durchschnitt der gesamten Menschheit wieder.