Kleines Reisetagebuch I.

Wie immer beginnt es mit dem Chaos der Großstadt. Gedränge, Geschiebe und Geschubse. Die Horde wälzt sich durch die Innenstadt. Kaum sind die ersten Sonnenstrahlen zu sehen, wagen sich die sonst so wetterscheuen Einwohner aus ihren Löchern. Der Mensch, ein Sonnenschein, das Herdentier. Und so wird sich durch die Stadt geschoben, im Wege gestanden, erbarmungslos gedrängt und gemeckert. Moslemische Verkäufer wünschen ihren Kunden Frohe Ostern, angepasst an ein System, das nicht das ihre ist. Soll sich Integration nennen und ist doch nur kalkulierende Berechnung eines Geschäftsmannes. Während sich die Gläubigen und Ungläubigen in ihrem Feiertagswahn verlustieren, fernab und doch mittendrin der Traditionen, die sie nicht verstehen.

Nein, die freien Tage, das Wochenende wird genutzt zum ausgiebigen Shopping in der City, wie es so schön Neudeutsch heisst. Und so lockt der Szeneladen mit lauter Musik die Kundschaft an, die jüngere – wo eigentlich dem Glauben nach Ruhe und Besinnlichkeit angebracht wäre. Und mittendrin marschiere ich in einem Slalom zu meiner Bank, als Reisender eh schon knapp in der Zeit. Die Züge warten nicht auf mich, obgleich es schon schön wäre. Nur schnell die Reisekasse auffüllen wird zum Martyrium der Nerven. Doch auch diese letzte kleine Vorbereitung kann erfolgreich beendet werden.

Der "Nexus" über Hamburg

Der “Nexus über Hamburg”

Und so geht es zurück zum Tempel der Reise-Lustbarkeit, im Gewühl der Massen aller Klassen. Auch nur um dort angekommen feststellen zu müssen, dass die Kunst des “Im-Wegen-stehens” von allen Vertretern der Spezies Homo sapiens ohne Ausnahme bestens beherrscht wird. Gerade in engen Gassen schaut Frau sich Schaufenster an, mitten im Wege versteht sich, während Mann die Koffer neu sortiert.
Auf den Bahnsteigen tummeln sich die Fotographen, als wenn der Papst persönlichen jeden ankommenden und fahrenden Zug segnen wollen würde. Auch wenn sich die Frage in meinem Denkapparat bemerkbar macht, was diese Knipser auf den Bahnhof bewegt, um die Chrom-blitzenden Züge abzulichten, mit Handy und Digitalkamera, so ist doch das beobachten der Menschen stets ein amüsantes Hobby. Süffisant und schadenfroh beobachte ich das Mädel, das in ihrem HEiKo (HurenEinsatzKoffer – umgangssprachlich für Handtasche) wühlt und dabei den Inhalt auf dem Bahnsteig verteilt. Die Münzen hatten noch die Frechheit, nicht in meine Richtung zu rollen. Statt das irgendwer im alten Gentlemen-Stil hilft, bewahre, nein. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert, da sind solche Dinge nicht mehr angesagt.

Lange Rede, kurzer Sinn – irgendwann saß im Zug ich drin. Der Weg dahin war auch wieder wie üblich gepflastert, nicht mit guten Vorsätzen, sondern mit der Ellenbogen-Mentalität, die uns Menschen, besonders uns Deutschen, in den letzten Jahren so sehr ans Herz gewachsen ist. Hauptsache ist doch, dass jeder, aber auch wirklich jeder einen Sitzplatz bekommt. Als wenn wir nicht schon genug sitzen würden. Aber gut, im Zug zu stehen ist auch keine schöne Sache. Schon gar nicht während der Fahrt und erst recht nicht während einer längeren Fahrt. Aber, es muss der angepeilte Lieblingsplatz sein und wehe, der ist besetzt. So wird Hein Otto von seiner lebensfroh und schrill bunt gekleideten Begleiterin vorgeschickt, um den Platz der Plätze in der Mitte des Zuges zu erobern und diesen bis aufs Blut zu verteidigen. Wehe dem, der ein kleines Stück davon haben will. “Alles Besetzt” schallt der warnende Ruf in mein Ohr. Auch wenn ich kleinlaut zu bedenken gab, dass mich dieses Riesenatoll mit den 4 Plätzen nicht interessiert, sondern die kleine und gemütliche Ecke ein Stück weiter. Ich bin allein und mein Platzbedarf ist nicht so enorm, um einen solchen Besitzanspruch zu rechtfertigen. Homo homini lupus.

Und meine Belohnung während der Fahrt ist die Ruhe mit einem schönen Fensterplatz, um den Blick schweifen zu lassen, ohne gleich mit jenem wieder einen Vertreter der Gattung Homo sapiens zu treffen. Wobei sapiens in dem Begriff völlig überzogen genutzt wird. Homo sapiens heisst nichts anderes als “der vernunftbegabte Mensch”. Und ich hin mir nicht ganz so sicher ob dieser Selbstbetitelung dieser Spezies, ob es wirklich so zutreffend ist. Nicht nach den ersten Anfängen meiner kleinen Reise.

Interessant sind auch die stets wiederkehrenden Ansagen der Zugbegleiter, nach dem dritten Male schon mit einem leicht genervten Unterton, die Tür-Bereiche doch bitte frei zu lassen, um Verspätungen zu vermeiden. Keine Zeit, keine Zeit. Der Plan muss strikt eingehalten werden. Jede Abweichung wäre als Makel zu werten auf der sonst so reinen Weste des Zugunternehmens. Ach , welch Sarkasmus in diesem Satz. Welch Ironie.

Sonst gibt es zu einer solchen Zugfahrt nicht viel zu nörgeln. Das übliche Chaos, was man so erlebt. Und überlebt. Bleibt nur die Ankunft zu erwähnen in einem gemütlichen Bauernhof, mit Kaffee- Empfang selbstblubbernd. Schön. Keine Menschen außer den 2 Gastgebern und die sind noch erträglich. Dafür Tiere. Hunde, Katzen, Hühner, Enten und viele Sechsbeiner. Tiere sind nun mal die besseren Menschen, auch wenn es sogenannte Nutztiere sind. Und eine Ruhe, die einen umgibt. Kein Gekreisch, keine Gekeife, kein Straßenlärm. Keine Zivilisation. Keine Menschen. Schön ist die Welt.

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