Hallo Facebook!

Ich habe der Welt  noch gar nicht mitgeteilt, dass ich mal schnell auf Klo muss, das ist wichtig, dass muss jeder wissen. Verdammt, ich habe die Nachrichten der letzten Tage total verpasst, um der Welt mitzuteilen, was ich wann, wie, wo, warum getan und auch nicht getan habe. Das ich gleich duschen muss, muss die Welt doch ebenso erfahren, wie der zweite Kaffee und die 8. Kippe, die heute morgen schon verkonsumiert wurden. Und selbstverständlich die Tatsache, dass ich damit den Staat in vollster Hinsicht unterstütze mit meinen Steuergeldern. Und damit überhaupt nicht einverstanden bin, aber trotzdem fröhlich weiter mache.

Facebook - freie Nutzung des Bildes

Facebook – freie Nutzung des Bildes

Ich habe noch gar nicht meinen aktuellen Status von wegen müde, desillusioniert und fertig mit der Welt geteilt. Dabei bin ich doch sonst so gut im Teilen ( 1 Schokolade für mich, keine für dich …). Aber dass sich meine Spiele immer so mitteilen müssen, dass möchte ich nun wirklich nicht. Muss doch nicht jeder wissen, dass ich nach der Arbeit gern ein Spielchen spiele, um mich abzureagieren – was ich natürlich selbstblubbernd in einem Status der Welt mitteilen muss. Ich bin ja so mitteilungsbedürftig! Die ganze Welt soll Anteil an meinem Leben haben, obwohl es sie irgendwie auch gar nichts angeht. Aber egal, es muss eben sein. Auch wenn es keinen interessiert. Aber wenn es keinen interessiert, dann leg ich erst richtig los. Jeder Schritt, jede Aktion (nicht zu verwechseln mit Action) – das bekommt ihr solange um die Augen gefleddert, bis ihr freiwillig aus Facebook verschwindet. Oder auch nicht.

Ganz wichtig sind ja die sinnvollen Sinnsprüche aus dem Leben gegriffen und müssen natürlich auch geteilt werden. Nein, nicht die Bilder. Geht ja auch gar nicht, diese virtuell zu zerreißen, oder? Ich muss jedem auf die Nase binden, was ich für weise erachte. Ganz wichtig. Denn damit lässt sich ja auch meine eigene Weisheit herleiten, so hoffe ich das jedenfalls.

Dass die Online-Zeit mein realen Leben überlagert, muss nicht extra erwähnt werden. Aber sind reales Leben und virtuelles Leben so verschieden? Sind nicht beides eins? Ich glaub, ich muss die blaue Pille nehmen. Ich weiß doch gar nicht mehr, wenn ich wirklich noch real kenne, so viele Freunde wie ich habe. Kenne ich die überhaupt alle? Zumindest und dank Facebook weiß ich alles über sie, was sie denken, tun und machen. Wo sie sich rumtreiben, damit ich neidisch werden kann. Und Anteil daran, so viele Bilder, die es zu bestaunen gibt.

Und erst die vielen lustigen Videos, die in Facebook zu bestaunen gibt. Gleich noch teilen, damit ich es immer wieder finde, auf meinem Profil. Das ist ganz wichtig, damit ich morgen auch noch darüber lachen kann, wenn ich mehr Zeit habe und alle Statusmeldungen meiner Freunde abgearbeitet sind, alle Kommentare dazu geschrieben und Weisheiten verteilt. Man hat einfach viel zu wenig Zeit für Facebook. Der Tag müsste schon ein wenig länger sein – das ist einfach nicht alles zu schaffen. Und dabei will ich doch nur – auf dem aktuellsten Stand der Dinge sein. Kaffee? Ja, gut dass du mich mit deinem Status daran erinnerst, meiner ist schon wieder alle.

Ja, Facebook ist schon ein tolles Ding. Warum bin ich nicht auf den Gedanken gekommen, jedem seine Aktivitäten der Welt zu zeigen in einem sozialen Netzwerk. Alle zu verbinden, irgendwie. Da hat schon jemand Millionen damit verdient. Achja, die Nachrichten kann man sich ja nun getrost auch sparen. Welcher A-, B- und C-Promi nun wann und wo welche Pille sich reingeworfen hat, dass weiß ich nun aus erster Hand – mittendrin und live dabei, aber nur nebenbei. Dafür auch zu Hause oder unterwegs, immer im Strom der Zeiten. Jederzeit.

Und nun bleibt mir noch eines zu tun. Mein heutiges Geschwafel muss der Welt mitgeteilt werden, meine Meinung, meine morgendlichen Ausdünstungen gedanklicher Natur. Die gesamte Welt soll es wissen, jawohl. Wir brauchen keine NSA, wir haben unser geliebtes Facebook, liebevoll auch Fratzenbuch genannt. Wir sind alle eins, wir sind alle verbunden, gefangen in einem Netzwerk. Social Network. Juhuu!

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5 Responses to Hallo Facebook!

  1. Querbeet sagt:

    ja es ist schon ein Witz das ganze und schön immer alles teilen

  2. Querbeet sagt:

    übrigens
    Kompliment wie gut du das geschrieben hast
    genau so ist es
    is doch schon schön, Komplimente fliegen hin und her, auch in den anderen Blogs die ich lese aber nicht kommentiere
    oh wie wunderschön hast du das gemalt
    oh wie wunderbar hast du das geschrieben
    ich wusste gar nicht dass du so gut gedichte schreiben kannst
    und so weiter
    ist manchmal schon zum K………n

  3. Klasse Text. So ist es.
    ich liebe auch all die Fotos von Mädchen und Jungs, die unter jedem einzelnen Beitrag stehen haben, wie hübsch sie doch sind… haben die Gurken auf den Augen oder was?!
    Oder der Klassiker: “die ganze Weld hast misch” – “wasn los, süße?” – “ach geht disch nischt an, will net drüber redn” (genau mit dieser grandiosen Rechtschreibung).

    Was hat die Menschheit eigentlich gemacht, als man sich noch nicht über Internet selbst bloßstellen konnte?

    • Dark Lord sagt:

      Ach siehste wohl, die hab ich noch vergessen zu erwähnen. Mea culpa, mea maxima culpa. Dabei waren das doch die wichtigsten Beispiele …

  4. rugai sagt:

    Ach deswegen hängen (in Berliner U+S Bahnen) vom überschminkten, nach Energydrink und Kaugummi riechenden Teenager, sowie gepflegten Damen in fusselfreien Kostümchen bis hin zu lässig angelehnten “coolen Jungs” alle wie sediert über ihren Smartphones und wischen sich ihre Displays stumpf !
    Neueste Meldungen über Chemtrails & Co saugt man sich gierig wischend “ausm Netz” – wer guckt denn da noch ausm Fenster, also bitte, wie 20. Jh ist das denn ?
    Eigentlich muss man sich garnix “negatives” Nach-richten-technisch mehr antun,: Stöpsel ins Ohr , Display an und schon ist man Teil des globalen Dschungelcamps – garantiert völlig ubelastet und porentief hirngewaschen…

    Guten Abend !