accommodatio – Anpassung

Wer heute etwas darstellen möchte, der passt sich an. In Kleidung, Stil und auftreten. In Sprache und Schrift, kurzum in allem, was die Gesellschaft so propagiert oder fordert. Harte Wörter, aber treffend. Denn Anpassung an die Gesellschaft bedeutet auch gesellschaftlichen Erfolg. Und den will schließlich jeder haben, irgendwie. Man möchte wer sein, man möchte geachtet und anerkannt werden. Und dieses Verhalten nimmt mitunter die seltsamsten Formen an. Was zählt sind nicht Leistung und Können, sondern gesellschaftliche Norm, gesellschaftlicher Auftritt. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, doch die Regel bleibt eben – die Regel.

Chamäleon - Foto aus piqs.de

Chamäleon – Foto aus piqs.de

Erwähnt wurde vormals das Wort heute. Das kann in dieser Form natürlich nicht stehen bleiben, ist nicht wirklich korrekt. Denn die Anpassung an gesellschaftliche Normen gibt es schon viel länger. So lange, wie es auch die unterschiedlichen Klassen gibt. Man möchte eben von der niederen Masse sich abheben, man möchte wer sein und vergisst dabei, das man dabei in der “oberen” Masse ebenso untergeht, seine Individualität verliert. Ein kleinen Rädchen im Getriebe der Reichen und Mächtigen. Hallo Welt, schau mich an, ich habe mich angepasst, ich bin wer. Doch die Welt hört nicht hin, sie dreht sich einfach weiter. Was nutzt es dann angepasst zu sein?

Wer aus einem handwerklichen Beruf kommt und sich tatsächlich hoch gearbeitet, das Glück hat, in der Geschäftsstelle zu landen und fortan Schreibtischdienst zu verrichten, der kennt das mit der Anpassung sehr gut. Da wird die Arbeitskleidung angepasst, aus der praktischen Uniform wird ganz schnell der Anzug. Man muss sich eben an die neue Position anpassen. Was bleibt, ist das beklemmende Gefühl, irgendwo drin zu stecken, wo man nicht hin gehört. Wo früher das Halstuch locker saß, sitzt heute die einengende Krawatte. Man muss sich eben anpassen an die Begebenheiten. Und doch geht man schon wieder unter in der Masse der Krawattenträger, die die Flure der Büroetagen bevölkern.

Es gab sie trotzdem schon immer die Rebellen. Und es wird sie auch weiterhin geben, die Norm-Verweigerer, die Individualisten. Die, die nicht in der Masse verschwinden wollen. Die mit Jeans, Turnschuhen und Tattoos Leben und Farbe in die Chefetagen bringen. Warum sich Gedanken über die Norm machen, wenn der kopfliche Arbeitsspeicher für dir wichtigen Dinge, eben für die Arbeit gebraucht wird.
Einfach mal eine Norm eine Norm sein lassen und sein eigenes Schema pflegen, ein Individuum sein. Ein Mensch, keine Zahl. Auch wenn der Weg durch das Leben doppelt so schwer wird. Aber, wenn man ein Idealist und ein Individualist sein möchte, dann sollte man es auch bleiben und nicht von heute auf morgen umschwenken. Ein Schritt zurück lässt die Glaubwürdigkeit an der eigenen Person sinken. Bestes Beispiel dafür ist unser Turnschuhminister a.D., der seine eigenen Ideale verkauft hat für einen Posten im Maßanzug bei einem großen Unternehmen. Wer seine Ideale verkauft, hat nie welche wirklich gehabt.
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4 Responses to accommodatio – Anpassung

  1. Schakal sagt:

    Wie wahr. Es sind gerade die Außenseiter, die meistens die interessanteren Personen sind, mit denen ich mich persönlich abgebe. Doch auch wir Gothics sind nicht ganz frei davon, uns “anzupassen”. Zumindest ist bei vielen die Farbe schwarz doch dominierend – wenn auch meistens eher als Grund der Abgrenzung von der farblosen MAsse.

  2. LePenseur sagt:

    Your Darkness,

    Es ist nicht die Krawatte, die Hals oder Geist beengt. Ich trage täglich eine solche (okay, fast täglich — vielleicht nicht im Badeurlaub, am Strand paßt das irgendwie nicht recht zum nakten Oberkörper …) und fühle mich nicht beengt. Und glaube trotzdem, daß ich einigermaßen »verhaltensoriginell« bin (zumindest wurde mir das attestiert). Lesen Sie die Worte Nietzsches über Uniformen (im Zarathustra) …

    • Dark Lord sagt:

      Wenn man ein solches nie gewohnt war und es nun tragen muss – schon. Wenn man nie den gemütlichen Bürostuhl gewohnt war und nun zum Schreibtisch–Hengst mutiert, schon. Und Zarathustra steht schon seit viel zu langer Zeit auf dem Plan, ich brauche ein paar klone, um alles zu schaffen. Ach verdammt ;)