Es fließt in Strömen der Gedanken blutig Lauf …

Nebelschwaden durchziehen eisig die leeren Straßen. Dunkel war’s, doch der Laternen Licht streute Helligkeit in die Finsternis. Einsam, nur gelegentlich von vorbeifahrenden Autos in der Ruhe gestört, zog der Mann durch die stillen Straßen der Millionenmetropole, die niemals schlief…

In Literatenkreisen wird stets und ständig gepöbelt, die ersten zwei Sätze in einem Werk sind die wichtigsten. Journalisten widersprechen dem, für sie ist es die Schlagzeile, die Überschrift, die den Leser fesseln soll. Alles Humbug, sage ich. Was zählt, ist das gesamte Ergebnis. Was nutzt es, wenn die Vorspeise scheisse geil war, doch der Hauptgang tröge und träge seinen Weg in die Verdauung sucht? Wenn nicht hinterher das Dessert einen Orgasmus beschert, dann war der Abgang zu fade. Und wenn das ganze Menü noch falsch betitelt wurde, dann kann die ganze Sinfonie nicht richtig einsortiert werden, um im Vorlauf das Wasser im Munde zerfließen zu lassen. Irritierend, nicht wahr?

Einen Text betrachte ich wie ein Menü, die Einleitung als Vorspeise, den Hauptteil als Hauptgang – verständlicherweise – und die Pointe am Ende ist das Dessert. Alles drei muss passen. Doch wichtig ist nicht nur allein die Vorspeise. Wichtig ist nicht nur der Titel. Wichtig ist nicht nur der orgasmische Abgang – wichtig ist der Geschmack im Gesamteindruck. Das Gesamterlebnis ist das, was die Komposition ausmacht. Wenn die Vorspeise nicht zum Hauptgang passt, dann kann die Pointe noch so scheisse geil sein – das bekommt keiner mit, weil schon vorher abgebrochen (oder auch erbrochen) wurde.

 Was manche studierte Literaten kritischerweise verbrechen, nur damit die gelehrte Ordnung gehalten wird – man mag gar nicht darüber nachdenken. Wenn man einmal bedenkt, dass daselbst die größten Denker und Dichter der Geschichte Fehlpässe der gigantischen Natur sich geleistet haben und doch – hing ihnen die Masse der Konsumenten sabbernd am Mund. Man muss doch als Texter einfach nur vermitteln, was man möchte und wenn das nicht der genormten Fassung studierter Kreise passt - C’est la vie. Drauf gschissen. Und mal ehrlich. Die hochtrabende Fassung eines Gedichtes eines studierten und gelehrten Literaten versteht doch keiner aus der breiten Masse des Pöbels – umgangssprachlich für das einfache Volk.

 Sich gewählt auszudrücken, das war bisher und wird immer so bleiben, die Crux der herrschenden Klasse, sagen wir heute, ab der heutigen Mittelschicht. Und auch wenn ich nicht Literatur, Germanistik und wie auch immer das Gefasel heißen soll, studiert habe, so kann ich doch all das verstehen, wenn ich mir nur die Mühe gebe. Mögen muss man es nicht unbedingt. Ich muss es nicht. Und so laufen Texte grundsätzlich so, wie sie laufen sollen. Aus Gefühl. Nicht aus studiertem Ethos und Passus. Literatur zu studieren ist wie ein Handwerk zu lernen, dass man nur theoretisch beherrschen möchte. Theorie und Praxis stehen sich dabei oft im Wege. Wenn ein Gedanke erst durch die Gebetsmühle des ordnungsgemäßen und gelehrten Stils gedreht wird, so ist das, was hinten raus kommt, nicht mehr das Gemeinte. Lieber geradeaus und unverbogen als angepasst und verdreht, nur damit Kritiker ruhig gestellt werden.

 Streichen, streichen, streichen. Vom Lehramt für angehende Autoren wird dies immer gepredigt. Doch warum streichen? Dann ist ja nicht mehr da, was ursprünglich gemeint war, worauf das Folgende fußen soll. Nur wenn der Inhalt Hand und Fuß haben soll, dann muss man auch die Glieder dran lassen. Man könnte das jetzt noch ewig fortführen, labern, rhabarbern und in die Länge ziehen. Ach ihr Kritiker, einfach mal die Fresse halten. Lasst einen Schreiber doch, wie er denkt, schalten und walten.

Fortsetzung zu Schreibstil

 

 

Dieser Beitrag wurde in Gedanken, Kritisiert, Meinung gemeint, Menschlicher Irrsinn, Persönliches, Schwafelecke, Sprache und Schrift geschrieben und mit , , , , , getaggt. Speichere den Permalink.

2 Responses to Es fließt in Strömen der Gedanken blutig Lauf …

  1. Maxx sagt:

    Dazu fällt mir folgendes Zitat ein:
    “Niemals Germanisten ranlassen. … Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben.”
    Wolfgang Herrndorf notierte das kurz vor seinem Tod (2013), quasi als testamentarische Verfügung, wie mit seinen Texten umzugehen sei.