Ekstase und Askese

In einem weniger bekannten und eher unbedeutenden Magazin wurde mal ein nettes Interview gefunden, per Zufall und gesucht wurde im Grunde etwas ganz anderes – aber so ist das ja meist. Migros Magazin – Artikel vom 17.11.2014 Das Interview an sich spricht bände und braucht nicht wirklich kommentiert zu werden. Doch der eine Punkt an sich ist es wert, noch etwas näher zu betrachten.

Es geht um eine Trendforscherin, die sich dem Trend entgegenstellt, dem Trend sich dem Gesundheitswahn zu unterwerfen. Viele Menschen verschwenden heute den Großteil ihres Lebens damit, möglichst bewußt gesund zu leben und dem Körper sich zu widmen. Und man mag es kaum glauben, doch es gibt sogar Menschen, die sich diesem Trend widersetzen. Was nutzt es einem, gesund und fit sich zu halten – ohne richtig zu leben – und schon durch einen unbedachten Augenblick tödlich verunglückt, nie erlebt zu haben, wie man lebt.

Der Stichpunkt ist Moral. Neue Moral – Der Trend zum umwelt- und gesundheitsbewußtem Leben. Eine Doppelmoral. Man denke dabei an das Bild aus dem gelobten Land, Amerika der allgemein übliche Name, Fitnessstudio mit Rolltreppe davor – für sage und schreibe 10 Stufen. Und natürlich riesengroßem Parklatz. Mit den Autos darauf, die mehr Sprit verbrauchen als ein kleiner Panzer. Gern gesehen ebenfalls der Bio-Supermarkt, mit riesengroßem Parkplatz davor – statt der gehörigen Reihe von Fahrradständern, wie es zu Zeiten der großen grünen Vordenker üblich war.

Der Mensch mit Moral, mit bewusster gesunder und ökologisch vertretbarer Ansicht wohnt in einem gedämmten Haus, mit Solarzellen auf dem Dach, ernährt sich Fairtrade und Bio, macht Sport und Fitness, enthaart sich komplett und doch fährt er am Wochenende mit dem Auto zur Party, um sich die Birne zuzukippen und das “schöne” Ergebnis seines Lebens zu präsentieren. Und ereifert sich über die Raucher, die vor der Tür stehen … Das schönste Zitat aus dem ganzen Interview:

Was mir mehr Sorge macht, ist die wachsende Tendenz zur moralischen Bevormundung: kein Bier mehr in der U-Bahn, Helmpflicht für Radfahrer, bitte nicht rauchen, gesund essen, am besten vegan und ökologisch sowieso. In Deutschland ist letzthin ein Kind aus einem Kindergarten geflogen, weil seine Eltern sich nicht an das obligatorische Zuckerverbot gehalten hatten.

Wenn wir ökologisch leben wollen, dann treten wir dem Trend der Globalisierung entgegen und essen wieder das, was in und auf der heimatlichen Erde wächst. Was ohne große Reisen direkt nach der Ernte vom Nachbarn auf dem Teller landet. Was nutzt eine Bio-Avocado, wenn der Transport mehr Abgase in die Luft bläst als die Pflanze beim “natürlichen” Wachsen wieder verarbeitet? Aber schließlich lässt sich ja mit gesunder und ökologischer Lebensweise gut Geld verdienen, natürlich global gesehen. Und die Vorbilder aus dem Kino, die wohlgeformten Bodys sind zu den Leitbildern geworden. Im Grunde wären alle gern Madonna – und vergessen auf dem Weg dahin, das sie nur “Ich” sind.

Es ist ein Trend, eine Mode. Diejenigen, die Individualisten sind und sich nie von einer Mode vorschreiben lassen, wie das Leben auszusehen hat sind am ehesten befähigt, von Moral zu sprechen. Wer weiß, was er falsch macht und es aber gern macht, ist der Trendsetter von morgen.

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