Media vita in morte sumus

Wie könnte es auch anders sein, doch Aufarbeitung ist wichtig für mich. Von daher dürfte auch nicht verwunderlich sein, dass ich alle Achtung vor den Personen habe, die täglich mit dem Leid anderen umgehen müssen. Wenn schon 2 ganze Tage für mcih der blanke Horror in dieser Umgebung sind, Siechtum, Tod und Verfall hautnah zu erleben und nicht wie sonst, in sicherer Entfernung nur vom Hörensagen.

Horrorfilme sind Quatsch dagegen. Man weiß, es ist getürkt. Literweise Kunstblut, Gedärme aus Plastik und Gummi, nachgeahmte Schreie. Doch wenn man morgens, man kennt ja das Frühschichtleiden, früh um 5 Uhr über die leeren, dunklen Gänge des Horrorhauses schleicht und aus der einen Tür das Stöhnen und Ächzen, aus der anderen leise Schreie hört, wird es doch ganz anders im Magen. Und auf dem Weg zur Untersuchung an einigen im Flur stehenden Betten vorbeikommt, neben denen schon der Tod mit der Sense steht und nur noch darauf wartet, zuzuschlagen…

Alle Achtung vor den Leuten, die das jeden Tag sehen, erleben, fühlen und ertragen. Lautlos. Mit dem Galgenhumor auf den Lippen. Unter Zeitdruck. Und dann noch die kleinen und großen Wünsche, die nervige Kundschaft, Frotzeleien, Pöbeleien, Meckereien … Nein. Pfleger bzw. alle Berufe im Gesundheitswesen, ich könnte es nicht ertragen. Mir ist ja schon mein bisschen nervige Kundschaft zuviel. Dafür muss man geschaffen sein. Ein seltener gutmenschlicher Punkt an mir, von mir, der diesmal kommt. Ein Danke an die Leute, die das machen.

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So nebenbei macht man sich ja dann auch schon Gedanken, müssen Kliniken in der Größe und Konzentration wirklich sein? Ist es dann nicht verwunderlich, wenn alle Krankheiten gebündelt auf kleinstem Raum zusammen gepfercht, sich das eine oder andere Mal gepflegter ausbreiten als normal üblich? Von aller Sterilität und Reinlichkeit einmal abgesehen, so ist doch irgendwie alles gebündelt da.

Und was sieht man dann, in diesen Räumen, während man wartenderweise auf den Ultraschall wartet (Herr Doktor, was wird es denn? Es ist – Eine Niere, herzlichen Glückwunsch, die ist sogar noch gesund), wenn man sich die Zeitung schnappt? >>>

Media vita in morte sumus -
Inmitten des Lebens sind wir vom Tode umfangen

Mahlzeit. Der passte grad so schön. Der erste lateinische Spruch, der sich in Sekundenbruchteilen in das Hirn eingebrannt hat. Perfektes Timing von der Tageszeitung. Wenn ich tatsächlich doch mal ein Käseblatt aufschlage, dann springt mir auch gleich das passende Sprüchlein zum Tage ins Auge.  Während keine 3 Meter weiter das halbverfaulte Friedhofsgemüse liegt. Siechtum zum angucken. Nein, ich will nicht alt werden. Nicht so alt. Lasst mich bitte vorher in Würde und in Ehren abtreten. Mit Knalleffekt bitte. Armageddon wäre passend. Schließlich habe ich immer noch den Logenplatz reserviert. Aber der nicht vorhandene Saftsack da oben bekommt ja nix auf die Reihe.

Euthanasie. Wieder so ein Stichwort. Vor allem, wenn man das ganze Elend um sich rum so betrachtet. Ist es Selbstmord, wenn man schon weiß dass man sterben muss, die Art und den Zeitpunkt selbst zu bestimmen? Andererseits, und das stimmt leider auch zu oft: Totgesagte leben länger. Hannibal (meow) war so ein Kandidat. Ein Jahr wurde dem Mietz gegeben, 11 sind es geworden. 11 schöne Jahre. So sind sie, die Gedankengänge im Todes- und Seuchenzentrum…

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One Response to Media vita in morte sumus

  1. Schakal sagt:

    Volker Pispers hat es mal ganz passend formuliert: “Stellen Sie sich vor, alle Krankenschwestern, -pfleger, Feuerwehrmänner und Polizisten fallen tot um. Oder alle Banker, Spitzenmanger, Spekulanten und Hedgefond-Besitzer fallen tot um. Wen würden Sie vermissen?” Auch ich war schon 2 mal in Situationen, in denen ich sehr froh war, dass Gruppe 1 dieser Aufzählung da war. Bei einer Arbeitsunfall-Verletzung und bei einer Demonstration gegen braunes Pack. Diese Gruppe von Menschen gehört zu den wenigen, die einen gewissen Respekt alleine wegen ihrer Tätigkeit haben – inbesondere auf Grund der geringen Wertschätzung ihrer Arbeit. Auch bei denen werden immer nur Fehler groß ausgeschlachtet – eine Danke hört man nie.