Tempora mutantur, nos et mutamur in illis

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis -
Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen.

Mir bleibt nicht anderes übrig, als an diesem Tag noch einmal kurz zurück zu blicken. Es drängt sich einem förmlich auf, denn auch wenn es ein Feiertag ist, den man mittlerweile nicht mehr komplett nachvollziehen kann – dessen Sinn man zur Zeit anzweifelt. Hat sich etwas verändert? Gewiss. Doch nicht immer zum Guten hin. 3. Oktober – Tag der deutschen Einheit. Manche sagen auch Tag der deutschen Dummheit.

(c) 3sat

Ich denke nicht, dass diejenigen, die damals jeden Montag auf der Strasse waren und “Wir sind das Volk” skandierten, sich hatten erträumen lassen, dass sich die Dinge in die Richtung entwickelten, wie sie heute sind. Gelogen wird auch heute noch von der Politik. Die Fesseln sind immer noch da, nur anders. Wir sind frei – ja sind wir das wirklich? Ich glaube nicht. Unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung werden die Fesseln neu gestrickt, nur anders diesmal. Nur eines ist anders als es damals war: Wir sind vernetzt. Wir haben die Möglichkeit, der Indoktrination durch den Staat zu entkommen, uns selbst zu informieren, Möglichkeiten abzuwägen, zu handeln. In gewissem Rahmen natürlich. Viele meiner Auffassungen darf ich auch heute noch nicht sagen, ohne in einer Schublade zu landen, in die ich auch dann nicht gehöre. Freiheit? Denkste. Man hat die frieheit alles zu kaufen, überall hin zu reisen – wenn man das nötige Kleingeld hat. Somit sind wir wieder nur Sklaven, Sklaven des Geldes. Wie sagte es Goethe noch treffend: Niemand ist mehr Sklave, als der, der sich für frei hält, ohne es zu sein. Wir halten uns für so frei und doch waren die Ketten nie enger. Die einzige, wirkliche Freiheit, die wir noch haben: Die Ketten zu sprengen und zu verschwinden. Aus diesem Land, von diesem Kontinent.

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Ich weiß es noch, wie es damals war. Auch wenn ich die DDR nur in meiner Schulzeit erlebt hatte. Ich war kurz davor, in die FDJ einzutreten, doch irgendwelche Leute hatten was dagegen und meine Heimat zerstört. Zumindest in der Form zerstört, wie ich sie bisher kannte.
Jeden Montag antreten zum
Fahnenappell. Jede Klasse für sich. Von den Pionieren ausgeschlossene durften in einer Extra-Ecke stehen. Geächtet von der Allgemeinheit. Der Rest durfte im weißen Hemd mit blauem oder rotem Halstuch das Geschwafel des Direx ertragen, zugucken, wie die drei Fahnen gehisst wurden mit militärischer Präzision. Die Fahne der Pioniere, der FDJ und natürlich der DDR. Nebenbei wurde lustige Liedchen geträllert wie Kleine weiße Friedenstaube oder Der kleine Trompeter.
Wir kannten auch noch Zucht und Ordnung in der Schule. Ein sausender Rohrstock, der lärmenderweise auf den Tisch knallte, beendete wirklich jede Fröhlichkeit. Jede Schulstunde aufstehen, wenn der Lehrer die Klasse betrat und ordentlich mit “Immer breit” zurück grüßen auf sein “Seid bereit”. Da kam auch schon gerne dem einen oder anderen Schläfer im Unterricht ein Schlüsselbund entgegen geflogen – und die hatten damals wirklich noch Gewicht. Was haben wir nicht alles gelernt? Der Unterricht wurde durchgezogen. Da gab es kein “Das kann ich nicht”. Das schwächste Glied wurde mitgezogen, ohne Erbarmen.  Und hat es auch irgendwann wirklich kapiert. Und wenn nicht, durfte man ein Schuljahr wiederholen. Geächtet zwar, aber immerhin die Schule abgeschlossen.
Jeden Mittwoch gab es Pionier-Nachmittage. Und regelmäßig wurde ich an diesen ausgezeichnet. Jawohl. Ich war der Meister im Altstoffe sammeln. Jeden Nachmittag bin ich losgezogen mit meinem Wägelchen, hab an diverse Türen geklopft und um Flaschen, Gläser und alte Zeitungen gebettelt, um diese zu Geld zu machen. Was habe ich damals für Schotter verdient. Und keine Zeit zum ausgeben, es musste ja mehr werden. Viel mehr. Schließlich war das der Anfang, das Startkapital für das Fahrzeug – das ich niemals haben sollte.
Jeden Nachmittag wurden wir beschäftigt. Es gab sogenannte AG’s – Arbeitsgemeinschaften. Und schon damals war ich in einer, die meinen späteren Berufsweg prägen sollte. Schon damals lernte ich, wie man richtig Zwiebeln schneidet und Soljanka kocht. Die übrigen Nachmittage gab es den Hort. Lesen, Weiterbildung im sozialistischen Klassenkampf – Vorbereitung auf die FDJ, in der wir die Grundbegriffe des bewaffneten Widerstands lernen sollten. Und beim Henker – der Drill war härter als in der heutigen Bundeswehr.

Manchmal sehnt man sich zurück. Man vermisst den frisch gemahlenen Kaffee, den es mit Glück im Konsum gab. Das leckere Nudossi und die Zeichentrickfilme mit Arthur dem Engel. Knusperflocken und Katzenzungen und das Schokogeld, das so gern die Zähne verklebt hat. Und das leckere Brausepulver, das so schön geprickelt auf der Zunge …

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Nein, die DDR war nicht gerade ein mustergültiges Prestigeobjekt. Es wurden die Außenfassaden restauriert, an denen die oberste Parteiführung mit dem alten Erich an der Spitze vorbeifahren sollte. Die Route stand immerhin schon Jahre vorher fest. Hinten sind die Häuser zusammen gefallen – aber das hat schließlich niemanden interessiert. Wozu auch. Der Schein war besser als die Wirklichkeit. Und jedes Jahr am 1. Mai demonstrierten alle zwangsweise in einer Einigkeit – die heute manchmal fehlt. Die obligatorische Nelke aus Plastik immer dabei. Warum und wieso wußte niemand so richtig – aber Hauptsache, man war dabei. Sehen und gesehen werden war das Motto. Um nicht aufzufallen.  Als nicht anwesend.

Hat sich irgendwas gebessert? Klar, nach Bananen muss nicht mehr angestanden werden. Gut, man kann die sich nicht mehr täglich leisten, aber man könnte sie kaufen. Und das ist doch die Freiheit, die unsere Eltern damals wollten. Oder?

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Meine mir selbst auferlegte undankbare Aufgabe für den heutigen Tag: Die hohlsten Phrasen der ungewählten Vertreter der BRD GmbH zu sammeln und diese zu kommentieren für ein späteres abgleichen – wer den größeren Stuss von sich gegeben hat. Welch ein Gaudi. Hab ja auch nichts besseres zu tun.

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2 Responses to Tempora mutantur, nos et mutamur in illis

  1. Max sagt:

    Toll beschrieben! Vieles deckt sich mit meinen Empfindungen, und manche Dinge sehe ich rückblickend noch widersprüchlicher, vielleicht auch, weil ich ein paar Jahre älter bin und noch die volle Schulzeit, Abi und Armeezeit in der DDR mitgenommen habe. Gewisse Menschen (Phrasendrescher, Lügner, Heuchler u. Opportunisten) seh ich z.B. heute eingedenk dieser Erfahrungen viel kritischer als früher… Dein Beitrag ist aber für meinen Geschmack gut gelungen und regt zum Nachdenken an, nur darauf kommt es an…