Schreibblockade

Seit Stunden schon sitze ich vor dem leeren Blatt. Die Flasche Rotwein ist mittlerweile fast leer, nur ein kümmerlicher Rest ist noch im Glase zu sehen. Die Kerzen sind fast herunter gebrannt, Wachs tropft auf den Tisch und hinterlässt bizarre Formen. Früher konnte ich was hinein interpretieren, mir Ideen holen. Doch der Kopf ist so leer wie die Flasche Wein. Ungenutzt trocknet die Tinte an der Feder.
Das Tintenfass hab ich mittlerweile bestimmt schon etliche auf und wieder zu geschraubt. Frust macht sich breit, während draußen der Regen fröhlich plätschert. Ich mag Regen. Normalerweise ist das mein Wetter, aber heute irgendwie wie nicht.

Das leere Blatt liegt vor mir und scheint mich zu verhöhnen. Unterstützung bekommt es vom Totenkopf, der als Kerzenhalter fungiert. Diabolisch grinst er mich an – er, der mir sonst das Gleichgewicht der Gedanken hält zwischen Leben und Tod. Dieses Stück Deko, dass eigentlich leblos da stehen sollte anstatt mich wissend anzuklicken. Als hätte er meine Gedanken aufgesaugt und verbrennt diese nun nutzlos als wärmendes Kerzenlicht. So wandert alles als Rauch in die Luft, was mit der Tinte auf das Papier gebannt werden sollte. Förmlich kann ich die Schwaden sehen, die von mir zu dem Schädel hinziehen.

Ich will ihm Einhalt bieten. Stopp, denke ich. Bis hierher und nicht weiter. Ich versuche, die gähnende Leere aus meinem Kopf zu verbannen und greife beherzt zu der Feder. Zum drolften male schraube ich das Tintenfass auf und tauche die Feder tief hinein, um sie dann zum Papier zu führen. Doch statt Buchstaben fallen nur Tropfen auf das Papier und zerlaufen ungleichmäßig. Während ich in dem größeren den Totenkopf wieder zu erkennen glaube, erlischt plötzlich die Kerze.

Dunkelheit umgibt mich. Eine stille Schwärze, als hätte sich das Nichts meiner Gedanken im Zimmer manifestiert. Stöhnend sinke ich auf die Kissen und versuche in den Strudel der Gedanken einzutauchen, um wenigstens einen von ihnen zu greifen und festzuhalten. Doch immer wieder nur Leere. Nichts. So kann es nicht weiter gehen. Steht der Totenschädel nun für den den Tod meiner Gedanken? Ist er schuld daran? Der Vollmond, der sonst mein Leben kontrolliert in seinen 3 Nächten der Herrschaft kann es nicht sein, er hat noch mindestens eine Woche Zeit, bis er mich wieder malträtiert.

Ich blicke zurück auf die letzten Wochen. Soviel ist passiert, soviel erlebt… Und immer wieder der Stress auf Arbeit. Ich erinnere mich. Kaum aus dem Urlaub zurück, begann das Chaos von neuem. Kaum 3 Tage in der Firma und schon wieder reif für die Insel. Aber im Grunde bin ich das gewohnt, schließlich ist mein Job der Inbegriff für Streß. Von Tag zu Tag zu hetzen, dabei immer wieder auf neue und unliebsame Überraschungen zu stoßen, den Fluch des Montags lethargisch zu erwarten. Nein, das ist es nicht.

Hat sich mein Leben verändert, vom Schlafrhythmus einmal abgesehen? Auch nicht. Niemand ist in mein Leben getreten und Niemand ist daraus verschwunden. Niemand hat sich verändert oder daran gearbeitet, sich zu ändern. Der gleich Trott wie immer. Und in dem Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Der gleiche Trott. Immer und immer wieder das Gleiche, jeden Tag von vorn.

Wie soll man etwas Neues auf das Papier bannen, wenn jegliche Inspiration fehlt? Wenn es nichts Neues gibt, das es wert wäre, auf das Papier gebannt zu werden? So wie mich der Alltag fest im Griff hält, mit dem täglich gleichen Ablauf. Immer wieder die gleichen hohlen Phrasen, jeden Tag der Wechsel zwischen Ordnung und Chaos. Jeden Tag die gleichen Menschen. Selbst in der Großstadt wie dieser ähneln sich die Gesichter ständig mit denen der bereits bekannten. Jeden Tag läuft mehr oder weniger die gleiche Musik.

Und seit mir bewusst ist, was ist und was nicht ist, steht der Entschluss fest, etwas zu ändern. Auszubrechen aus dem ewigen Kreislauf des Daseins, etwas Neues zu versuchen. Und mit plötzlich vorhandener Energie schalte ich das Licht an. Der Totenschädel steht da wie immer, erkaltetes Wachs hängt ihm wie Haare über das bleiche Antlitz. Kein diabolisches Grinsen, keine Schwaden. Er steht einfach nur da, wie immer. Ich werfe mir den Mantel über und verlasse die Wohnung. Raus, einfach nur weg. Den Trott verlassen, irgend wohin gehen und neue Gesichter sehen, neue Gegebenheiten. Neues erfahren, um die Geduld des Papieres zu befriedigen…

Der Mensch, so nicht ganz helle,
Tritt ewig auf der gleichen Stelle.
Neues zu erfahren, den Horizont
Zu erweitern ist er zwar gewohnt.
Doch ewig bestimmt der gleiche Trott,
Wie ein ewiges Hüh und Hott
Sein Denken, Tun und Handeln.
In unbekannten Gefilden zu wandeln
Entspricht zwar seiner Natur,
Doch warum nur, warum nur?
Geht er es nicht einfach an?
Verlässt die ewig gleiche Bahn -
Und strebt was frisches, neues an?
(DarkLord, September 2014)

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2 Responses to Schreibblockade

  1. Frank sagt:

    Mich überfällt gerne eine Schreibblockade, wenn mir zu viele Themen im Kopf herumschwirren und ich über viele Dinge gleichzeitig schreiben will, weil ja augenscheinlich alles grad wichtig ist. Da bleibt die Konzentration auf ein bestimmtes Thema total auf der Strecke.

    Mir hat es geholfen, eine Liste mit den Themen und entsprechenden Stichworten anzulegen, die ich immer wieder ergänze, wenn sich ein “wichtiger” Gedankengang anschleicht. Danach habe ich eine Gewichtung der Themen vorgenommen und somit meine persönliche Prioritäten festglegt.

    So habe ich Druck rausgenommen, den Kopf etwas frei bekommen und es ist nichts verloren gegangen. Und mit dem Schreiben klappt es auch schnell wieder…

    Kann diesen Beitrag hier empfehlen noch empfehlen der nützliche Tipps enthält: http://www.derneuemann.net/8-tipps-schreibblockade/3729