Vor nicht allzu langer Zeit, …

Wieder muss ich raus, mitten unter die Menschen. Doch dabei ist die Interaktion mit ihnen über Internet so schön ungezwungen, ich kann antworten,  wenn und wann ich will. Doch persönlich gegenüber besteht die gesellschaftliche Doktrin darauf. Nagut, wenn es sein muss. Gehen wir hinaus in diese ach so gut organisierte Welt, die ein einzige Chaos ist.

 

Es muss sein. Auch wenn ich meinen eigenen Geburtstag ablehne, so wäre es verletzend, den von den wenigen Freunden abzulehnen in Form meiner Abwesenheit. Das impliziert natürlich auch die obligatorischen Geburtstagsgeschenke, man will, man soll ja nicht aus dem Rahmen fallen. Was tut man nicht alles für die Freunde, sogar Dinge, die man aus Überzeugung ablehnt. Mittlerweile ablehnt. Es war nicht immer so. Aber das ist eine lange Geschichte, die hier übrigens zur Zeit meines unsäglichen Jahrestages schon einmal erwähnt wurde.

So gebe ich mich wieder dem öffentlichen Nahverkehr hin, bei dem das Wort Distanz ebenso unbekannt ist wie im Stau auf den Strassen der Großstadt. Und so muss man wieder auch unter den Gepflogenheiten der Zivilisation leiden, dem Licht, nichtssagenden Geschnatter und Konsum. Nur wenige Menschen verdienen mein Interesse, weil sie so unscheinbar sind, uninteressant für die Oberflächliche Masse. Beobachten ist sehr interessant, kann man schon allein aus einigen offensichtlichen Merkmalen auf den Mensch dahinter blicken, sein Sein, etwaige Gepflogenheiten. Die Menschenkenntnis ist es, die mich von den Menschen entfernen läßt.

Gerüche dringen in meine Nase. Schweiss, Alkohol, Junkfood… Geplärre von Babys und Gekreische von Teenies – oder umgedreht? – würden das empfindliche Gehör malträtieren, wenn ich nicht auf meine eigene Art mit Überhören darauf reagieren täte. Und wieder kommen sie mir zu nah, stehen dicht bei mir, glotzen mich verständnislos an. Ich möchte die Jacke ausziehen, um ihnen den darunter liegenden Pullover zu zeigen, auf dessen Mitte eine knöcherne Hand den Mittelfinger ausstreckt. Das Symbol menschlicher Verachtung und Ablehnung.  Offen gezeigt und präsentiert. Doch ich kann mich zurück halten. Der gedankliche Mittelfinger tut es diesmal auch, während ich mich wieder auf meine Gedanken konzentriere, um den Rest der Menschheit auszublenden.

Langsam macht sich der schwere Rucksack auf meinem Rücken bemerkbar. Geladen sind die 5 Liter Met, mit denen ich mich heute Abend ausführlich unterhalten möchte. Essen brauch ich nicht mitschleppen, aber Getränke sind jedem selbst überlassen. Schon brüllt die Ansage durch die Kopfhörer “nächste Station: Ohlsdorf. Das wäre die Gelegenheit auszusteigen, zumindest aus der Bahn und  über den verregneten Friedhof zu wandern. In Ruhe, ohne Menschen. Die Atmosphäre genießen, sich Gedanken über Tod und Leben machen. Nur nicht über den Sinn, das macht keinen Sinn, das habe ich schon begriffen. Nur das beides zusammengehört, auch wenn den Tod niemand mag. Dabei gehört er auch zum Leben – das wird gern vergessen. Nein, verdrängt. Der Klassiker – Verdrängung. Verdrängung ist gut, ignorieren ebenso.

 

Langsam werden meine Nerven strapaziert. Der Geruch Alkohol, Schweiss und Zigarre wird penetranter. Ein kurzer Blick genügt, um die Quelle zu lokalisieren. Betrunken mit einem Fahrrad in der Bahn, der Kleidung nach Sozialfall. Dass die Stange vom Fahrrad sich als Kopfkissen eignet, wusste ich bisher nicht. Muss ich demnächst einmal selbst ausprobieren, falls ich mal wieder ein solches Gefährt besitze. Trotzdem bin ich missmutig. Schon allein die fehlende Distanz reibt an meinen Nerven. Die nächste Ansage tönt blechern, ich darf aussteigen und dies tu ich auch fluchtartig.

Ich bin erlöst,  zumindest von der geruchlichen Penetration meiner Nase. Mitleid mit dem Menschen? Nein. Davon kann er auch nicht leben. Was angebracht wäre, können nur die wenigsten Menschen liefern. Das interessiert mich aber nur peripher. Das waren die letzten Gedanken, die mich kurz vor dem Ziel noch ablenkten. Nun heißt es, die Aufmerksamkeit den Anderen widmen, den wenigen Menschen, mit denen ich umgehen kann. 

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3 Responses to Vor nicht allzu langer Zeit, …

  1. Maxx sagt:

    Toll beschrieben. Ich mag diese Gedankengänge, da ich glaube, sie verstehen zu können. Auch die dezente Schriftfarbe passt gut, da sie dem ganzen Text diesen Hauch der “Unterschwelligkeit” gibt. Feier noch schön, und labe dich ausgiebig am berauschenden Met… :-)

  2. Dark Lord sagt:

    Mhmm, die dezente Schriftfarbe war eigentlich ein Fehler und sollte gar nicht so sein ;)

  3. Schakal sagt:

    Wie schön wäre das Öffifahren ohne Menschen. in Ruhe jedes einzelne Geräusch (in meinem Fall) der Bahn warnehmen. Ohne Reden. Ohne Gestank. Ohne Menschen. Nur leider ist das wohl nicht finanzierbar. Öffis sind immer wieder der Ausgangspunkt für skurile, lustige, peinliche, traurige oder auch Fremdschäm-Momente. So als würde man aus allen Menschenschichten einen prozentualen Anteil nehmen und diesen dort reinstecken. Und wie im Realen ist der gefühlte Anteil der BIRTLD-Konsumenten am größten…