Selbstversuch – eine Bilanz

Vor langer Zeit, ungefähr ein Jahr her, oder auch knapp 2, habe ich aufgehört, normale,  nennen wir sie einmal Mainstream – Medien zu konsumieren. Radio hab ich schon vorher kaum gehört,  wenn, dann duddelte der Kasten eh nur auf Arbeit nebenbei, so dass man das Gesabbel und dämliche Gequatsche eh nur, wenn schon, am Rande und nebenbei mitbekommen hat. Schon damals ging es los, dass mir das nervige Gebrabbel der ach so hoch gelobten und verdienenden Moderatoren derart auf den Senkel ging, dass ich sämtliche Radiosender mit Gebabbel schon von Haus aus boykottiert hab.

Mittlerweile steht ein Radio nur noch bei Kolleginnen, soweit von mir entfernt, dass ich maximal mitbekomme, wenn die Lautstärke aufgedreht wurde, weil irgendein Schlager lief. Doch sowas kann man schon ignorieren. Zur Zeit steht an meinem Arbeitsplatz nur noch eine mp3-Box, die meine gesammelten Lieblingstitel wiedergibt, was bei meiner Arbeit ein schöner Ansporn ist.

Wann ich die letzte Zeitung gekauft habe kann ich wirklich nicht mehr sagen, zu lange ist es her. Früher auf dem morgendlichen Arbeitsweg ein steter Begleiter, heute nur noch ignoriert,  maximal müde belächelt. Wenn die Zeitung anderer mitbenutzt wurde, so haben mich die Schlagzeilen absolut rektal peripher tangiert (auf deutsch: sie gingen mir am Arsch vorbei). Sodoku und Kreuzworträtsel waren meist eh interessanter und als kleines Hirn-Jogging stets und gern genutzt. Wobei ja noch zu vermelden wäre, dass die Sodoku der hiesigen Hamburger Tageszeitung,  irgendwas mit Morgen im Namen (Morgen ist eh schon so ein Unwort für mich) im Experten – Modus lächerlich waren. Ich behaupte nie überdurchschnittlich intelligent zu sein, aber diese Schwierigkeitsstufe spricht nicht gerade für sich.
Kurzum – auf Schlagzeilen, Kommentare und Stimmungsmache diverser Tagesblätter kann ich gern und getrost verzichten. Ich bilde mit gern meine eigene Meinung und brauche keine Bild und Co. dazu.

Als letzter Schritt wurde nun vor knapp einem Jahr der Fernseher abgeschafft. Zwar nicht direkt der Fernseher, dafür aber der Zugang in das örtliche Kabelnetz und die Funktion des DVBT im Gerät selbst deaktiviert. Abgeschnitten bin ich nun von der Welt und doch mittendrin. Denn da gibt es noch eine Informationsquelle, die ich gern bediene und nutze, um mir das notwendige Wissen selbst zu beschaffen. Das Internet ist zumindest zur Zeit noch relativ frei, was die Auswahl der für mich relevanten Themen angeht, ebenso kann ich mir die Informationen selbst filtern, nach Relevanz und Stichhaltigkeit selber sortieren, um sie dann zu konsumieren. Interessiert eine Meldung, kann der Wahrheitsgehalt selbst und schnell überprüft werden, und zwar ohne dass ich mir vorgefasste Meinungen und Interpretationen dazu antun muss.

Wie bereits erwähnt,  geht dieses Spiel nun schon seit einem Jahr so und ich kann vermelden, ich habe nie besser und freier gelebt, Unvoreingenommener  und Selbstbildender. Die freie Zeit auf dem Weg zur Arbeit wird nun genutzt,  um der Lektüre von Büchern nachzugehen oder selbst schreibend aktiv zu werden.
Die Welt sehe ich nun mit anderen Augen, offener, kritischer. Ein gewisses Misstrauen zu Gehörtem und Gelesenem gehört nun ebenso zum Alltag wie die eigenständige Informationsbeschaffung.

Während man sich früher faul zurücklehnen konnte und sich alles verkaufen ließ, hat man aber auch nie bedacht, dass Nachrichten nichts anderes sind als Informationen, die nach gerichtet wurden. Vorinterpretiert, nicht auf Wahrheitsgehalt überprüft und damit mir schon die eigene Meinung vorgegeben.

Ich bin frei. Zumindest in dem Punkt, was meine Meinung angeht. Zwischenmenschliche Konflikte kann ich nun sowas von neutral betrachten, sowohl die Meinung von dieser als auch der Partei gegenüber betrachten, sortieren, klassifizieren und ein unabhängiges Urteil oder Statement abgeben – auch wenn dieses niemand interessiertt,  der sich die vorgefertigte Meldung aus diversen Medien hat vorkauen lassen. So kann ich von meinem Standpunkt, müde und leise lächelnd, nachvollziehen, wie derjenige zu seinem Schluss gekommen ist. Aber nicht,  dass mich das Thema dann auch großartig interessieren würde. Nicht jedes zumindest.

Drum kann ich abschließend sagen: Heute schon mal darüber nachgedacht,  was du, nur du allein, wirklich denkst? Objektiv? Hast du schon einmal versucht,  den Inhalt einer Information zu verstehen, ohne auf die Sätze darum zu achten? Zwischen den Zeilen zu lesen? Selbst Interpretationen aufgrund einer Sachlage anstellen, aufgrund der Sachlage, nicht von Hören-Sagen-Vorkauen-Lassen… Das Leben kann so einfach sein.

“Früher machten die Politiker Politik, und die Medien berichteten darüber. Heute machen die Medien Politik, und die Politiker führen sie aus.”
(Unbekannt)

Die Macht der Medien: Immer häufiger werden Politikerzitate brutal aus ihrer Zusammenhangs-losigkeit gerissen.
(© Wolfgang Mocker (1954 – 2009), deutscher Journalist und Autor)

Dieser Beitrag wurde in Medialer Auswurf, Menschlicher Irrsinn, Mitmenschliches, Musik und Medien, Netz - Zeug, Persönliches, Sprache und Schrift geschrieben und mit , , , , , , getaggt. Speichere den Permalink.

One Response to Selbstversuch – eine Bilanz

  1. Pingback:Zur Objektivitätsfrage | Citronimus