Dimidium facti, qui coepit, habet: sapere aude, incipe.

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.
(Jean-Jacques Rousseau)

Schon einmal darüber nachgedacht, was Freiheit für Dich bedeutet. Fühlst Du Dich frei oder bist Du nur Pseudo-frei? Kannst Du wirklich tun, wonach Dir der Sinn steht? Wie weit müssen Grenzen sein, welche Grenzen darf es geben, damit Du Dich wirklich frei fühlst? Gibt es die absolute Freiheit überhaupt?

Freiheit ist doch mehr ein vager Begriff, der nicht wirklich das impliziert, was der Begriff an sich bedeutet. Wahre Freiheit gibt es nicht, das Leben gibt uns schon die Ketten, zeigt die Grenzen des Möglichen, Machbaren. Physik, Biologie, ja selbst Chemie und Mathematik – alle diese beinhaltet natürliche Regeln, die die Freiheit einschränken. Doch darüber hinaus gibt es noch selbst gesteckte Grenzen, selbstauferlegte Regeln und aufgezwungene Gesetze. Menschliche und geistige Schranken, Gefühle, Emotionen – Gedanken.

Nehmen wir doch einmal die Bewegungsfreiheit. Hat man wirklich die Freiheit, überall hin zu reisen, wohin man will? Bei einigen Zielen schränken uns doch schon die physikalischen Gesetze des Universums ein. Zu den Sternen reisen, ein uralter Traum der Menschheit. Die Götter besuchen am Himmelszelt. Doch sind wir Menschen wirklich in der Lage, gottgleich überall hinzukommen, wohin mal will? Eher nein, es wird nur ein Wunschtraum bleiben – vorerst. So endet unsere Freiheit in einiger Höhe über der Erde.
Aber selbst auf der Erde sind uns Grenzen auferlegt. Sicher, wir können bis zum Nordpol oder Südpol reisen, die höchsten Gipfel erklimmen und tief ins Meer tauchen, doch alles nur unter günstigen Bedingungen, mit technischen Hilfsmitteln und nicht für lange Zeit. Und schon endet unsere Bewegungsfreiheit, selbst auf der Erde, an natürlichen Grenzen. Den physikalischen und biologischen Grenzen des Machbaren.

Doch auch an erreichbaren Zielen, die uns frei zur Auswahl stehen, scheitert die Freiheit an Grenzen. Menschlichen Grenzen in Form von Staatsgrenzen mit behördlichen Auflagen (Visum, Reisepass), menschlichen Grenzen in Form von Sperrzonen, Militärgebieten, Kriegsgebieten, Stammesgebieten. Klar, man hat die Freiheit, Nordkorea zu besuchen. Doch ob man rein und wieder rauskommt, und, wichtiger noch, das Ganze auch überlebt – das schränkt uns doch ein in der Wahl.

Selbst die religiöse Freiheit ist nur eine Farce. Darf man wirklich glauben, was man will und danach handeln? Da stehen uns die menschlichen Grenzen im Weg, die die Freiheit doch eingrenzen. Die Maya und Azteken benötigten für ihren Glauben Menschenopfer – man nehme einmal an, jemand möchte diesen Glauben wirklich praktizieren, leben, wie es die jahrhundertealte Tradition es verlangt. Nein, unmöglich. Man würde sich den Zorn der restlichen Menschheit zuziehen, die Werte der Nächstenliebe, der Menschlichkeit würde es verbieten. Also, haben wir die Freiheit, den Glauben zu leben, den wir wollen? Eher nicht.

Ebenso, auf Deutschland nun bezogen, ist die Freiheit der Meinung eine Farce. Gewiß, einen Polizisten der Dummheit zu bezichtigen ist Beleidigung. Und schon endet die Freiheit, und zwar an dem persönlichen Recht des Anderen. Doch wenn dies nun mal die persönliche Meinung ist? Selbst in dem Punkt der freien Meinungsäußerung auf der Strasse, bei einer Demonstration, ist die freie Meinung eingeschränkt. Auflagen müssen erfüllt sein, Regeln befolgt werden. Die Regeln des menschlichen Miteinander, staatliche Regeln. Nein, Freiheit sieht anders aus.

Die Freiheit zu tun und zu lassen, was man will? Da geht doch schon die Frage des Überlebens los. Der finanziellen Frage. Die Freiheit ist an das Kapital gebunden, an den Besitz, der zur Ermöglichung der Freiheit benötigt wird. Das Auto, das Benzin – kurz diese Kosten schränken die Freiheit erheblich ein. Ebenso für das leibliche Wohl, das Dach über dem Kopf, die Kleidung … Aber, wir haben zumindest die Freiheit, uns so zu kleiden wie wir wollen. Die Grenzen liegen nur im eigenen Geschmack und der Finanzierbarkeit. Wie war das noch gleich mit der Freiheit?
Was darf ich tun, was nicht? Nein, die Freiheit dies zu entscheiden haben wir ebenfalls nicht. Beeinflußt vom Marketing, vom Kommerz mit den staatlichen Gesetzen dürfen wir nicht tun was wir wollen. Man darf nicht über die Reeperbahn laufen mit einer Flasche Bier in der Hand. Man darf nicht einfach so mit  einem Segelboot übers Wasser fahren. Nein, Freiheit sieht anders aus.

Und nun kommen wir zu obigem Zitat des Monsieur Rousseau. Die Freiheit liegt darin, dass man nichts tun muss, was man nicht will? Auch nur bedingt, nur eingeschränkt. Denn auch bestimmen Regeln der Menschlichkeit, Gesetze und religiöse Dogmen die Handlungsfreiheit. Man will sich nicht versichern, aber man muß – staatliches Gesetz. Man möchte sein Kind nicht in einer Schule etwas beibringen lassen, sondern zu Hause lehren – nein, es besteht Schulzwang. Man will im Sommer keine Schuhe auf Arbeit tragen, doch die Kleidervorschrift untersagt dies.

Was sagt uns das alles also? Freiheit, wirkliche Freiheit, haben wir nicht. Nur eingeschränkt, eine Pseudofreiheit. Es wird uns vorgekaukelt, wir wären frei. Doch in Wahrheit sind wir nur Sklaven. Sklaven der Evolution, der Natur, anderer Menschen – Sklaven des eigenen Ichs. Sklaven des Glaubens an die Freiheit. Die einzige Freiheit, die wir wirklich noch haben, ist die Freiheit der Gedanken.

 

 

Dieser Beitrag wurde in Menschlicher Irrsinn, Mitmenschliches, Morgendlicher Wahnsinn, Natur und Kosmos, Schwafelecke, Zitiert geschrieben und mit , , , , , getaggt. Speichere den Permalink.

2 Responses to Dimidium facti, qui coepit, habet: sapere aude, incipe.

  1. Maxx sagt:

    Ja, Recht hast du, Dark Lord. Nur die Freiheit der Gedanken bleibt uns. Aber auch das ist doch schon viel wert. Ansonsten ist die Welt so eng geworden, dass der Freiheit des Einzelnen durch die moderne strikt durchregulierte Gesellschaft immer engere Grenzen gesetzt werden… Es sei denn, man ignoriert die Grenzen (d.h. man nimmt sich die Freiheit(en) und hofft, dass dies toleriert wird)
    Je enger der Raum, auf dem wir leben, desto mehr beschränkt das Freiheitsstreben der Einen die Freiheit der Anderen, und desto schärfer werden auch die Regeln, denen wir unterworfen werden. Ich versuche, mir wenigstens kleine Freiheitsnischen zu erkämpfen. Tag für Tag.