Wenn Kritiker kritisiert werden…

Nachdem ich meine letzte Kritik zu einem musikalischen Machwerk nicht nur hier, sondern auch via Fratzenbuch hinausgeschrien hatte, entspann sich daraufhin eine putzige Diskussion über Kritiken, die ich nun mal hier verewigen möchte (Achtung, es wird lang):

V: ”Ich habe mir jetzt mal dein Review zu Gemüte geführt und ich fand es offen und ehrlich nicht gut und warum das so ist erkläre ich mal kurz.

1. Wenn man ein Stück auf CD kauft, sollte man auf jeden Fall wenigstens einen kurzen Satz dazu schreiben was dabei ist oder auch nicht. Sind im Booklet die Lyrics abgedruckt oder doch nicht? Gab es vielleicht eine Besonderheit bei der Verpackung?

2. In der Einleitung sollte doch wenigstens mit einem ganz kurzen Satz darauf eingegangen werden wer denn diese Band überhaupt ist und wie dieses Album entstand. Z.B. bei Detox von Dr. Dre -falls es denn je erscheint- würde ich erwarten, dass mir mal diese ungewöhnliche Entstehungsgeschichte erläutert wird. 

3. “kategorisch zu sortieren” Doch das sollte man tun, denn es gibt Menschen, die prinzipiell nur eine Richtung von Musik hören und es erleichtert ihnen die Auswahl. Ich z.B. für meinen Teil bin bereit mir jede Musik anzuhören, falls diese handwerklich gut gemacht ist, aber Schlager z.B. höre ich mir prinzipiell nicht an, da sich die Worte “gute Handwerksarbeit” und “Schlager” nicht in einem Satz mit positiver Konnotation befinden können. 

4. “komplett auseinander zu dividieren, in sämtliche Einzelteile zu zerlegen” Der Gesamteindruck zählt natürlich, aber es fällt auf, dass du der musikalischen Analyse nicht mächtig bist, denn indem man das tut könntest du argumentieren wieso es “poppig” klingt oder kannst damit unterstreichen warum du “Holy F.” wiederholt gehört hast. In der Klassik sind die Stücke sogar so ausgelegt, dass manchmal einige Pointen versteckt sind für Analysen von Musik. Das ist keine komplexe Symphonie, hier ist die Analyse sehr viel einfacher.

5. Du gehst nicht auf die dynamische Abmischung ein, was mir wirklich sehr fehlt. Die remasterte Version von “Raw Power” ist mit einem RMS von -3 dB so schlecht gemacht, dass ich mir eher mit einem stumpfen, rostigen Messer mein gesundes Bein amputieren würde ohne Betäubungsmittel als diesen Schund meinen Ohren auch nur ein einziges Mal anzutun. Und falls Clipping auftritt bei einem Album sollte man das natürlich auch nennen.

6. Warum vermisst du den roten Faden beim Album? Ist es rein vom Musikstil her oder liegt es an der Reihenfolge der Lieder? Normalerweise sollte man erwähnen wie diese ist, üblicherweise sollte es ungefähr so ablaufen, müsste es aber selbst wieder nachgucken: Hit, weniger gut, gut, hit, weniger gut, Hit, etc.

7. Die Länge der Titel angeben und am besten an den Anfang der Seite platzieren.

8. Es fehlt ein klares Fazit, ist es nun ein must-buy, eine regelrechte Legende, “nur” gut oder nur für absolute Fans?

9. “so richtig einsortieren lässt es sich für mich nicht” Da merkt man das mangelnde musikalische Know-how.

10. Generell, bei den einzelnen Titeln gehst du nicht konkret darauf ein was gut ist oder nicht. Zu “Kingdom Come”: Was für eine Stimmung? Details, Details, Details! Über die instrumentalische Besetzung verlierst du kaum ein Wort, sind Solos vorhanden und beherrschen die ihre Instrumente gut?

11. Auch auf den Gesang gehst du nicht ein, hat er eine kräftige, prägnante Stimme, wenn ja, warum? Oder ist es doch nur mittelmaß?

12. Struktur im Text beibehalten. “Bevor ich noch jeden einzelnen Titel auseinander pflücke, die Wichtigsten und Besten mussten einfach kommentiert werden”. Bei der Analyse eines Albums die Reihenfolge einhalten, weil sich neue Besonderheiten hervorheben können durch den Ablauf. 

13. Der Schreibstil ist jetzt nicht unbedingt der Beste, allerdings bin ich da jetzt auch nicht der richtige Ansprechpartner für.

Mein Fazit: Lass das Reviewen von Musik sein, aber es war ein netter Versuch. Für eine gute Analyse eines Albums wird man sicherlich mindestens ein halbes Dutzend Stunden benötigen und eine Menge Hintergrundwissen. 

Und persönlich zu Lord of the Lost, muss ich dem verlinkten Review zustimmen, diese Band ist nur Fastfood-Musik, schwache Stimme und sehr auf Pop getrimmt, um möglichst viele Einheiten abzusetzen.

Ich: “Hab ich nicht eingangs erwähnt, dass es meine Kritik ist, für mich als Liebhaber, nicht als Kenner? Muss ich mich an kommerzialisierte Regeln halten? Nein. Ich muß mich nicht als Kenner aufspielen wie jener, den ich verlinkt habe. Im Grunde geht mir das am Arsch vorbei. Wenn ich das geschrieben habe, dann für Freunde, weil es mir persönlich wichtig war und nicht, weil ich jemand damit beeindrucken will. Es ist keine offizielle Kritik für kein Zine, ich erwarte nicht tausende von Lesern. Von daher danke ich Deiner Kritik, die ich wohlwollend, so gern ich dich auch mag, schnellstens wieder vergesse, weil für mich in der Art nicht wichtig und relevant

V: ““Muss ich mich an kommerzialisierte Regeln halten?” Häh, was für ein Kommerz? So werden nunmal Stücke analysiert üblicherweise. Mit “als Kenner aufspielen wie jener” klingt das leicht persönlich :/
Auch wenn du kein Kenner bist, kann man sich immer wieder verbessern. Ich bin immer dankbar, wenn ich Kritik bekomme, auch wenn es mich manchmal fertig macht. Ich verbessere mich gerne in allen Bereichen, egal ob Kochen, Putzen, Schach, Sex, Musik oder meiner Persönlichkeit oder zum Sport. Vernichtende Kritik habe ich schon häufig bekommen und das nimmt mich mit, aber wenn keiner die Wahrheit sagen würde, würde ich immer wieder die selben Fehler bis an mein Lebensende machen und das will ich nicht.

Ich: “Sagen wir es netter: Ich will es nicht analysieren. Ich will es betonen, dass ich es gut finde, ich will betonen, was mich daran stört. Ich muß nicht deswegen einen Aufsatz daraus machen, bis ins kleinste Detail recherchiert, welche bpm pro Minute durchlaufen. Das ist mir schnurz. Welches Instrument wann wo spielt. Ist mir auch schnuppe. Wichtig ist für mich das Ergebnis. Die Analyse überlasse ich gern den Experten … etwas, das ich eh nicht sein will. Für mich ist es wichtig, als Person, die es gern hört, dass zum Ausdruck zu bringen. Im Grunde hätte ich auch nur schreiben brauchen: Scheisse, geil. Punkt.

Und ob da ein Booklet oder ein Label oder ein Flyer oder was auch immer da drin liegt, ist mir sowas von Latte. Mich interessiert die CD, genauer der Inhalt derer. Warum muss man immer alles zu kompliziert sehen müssen? Und das wollte ich eigentlich auch im ersten Absatz zum Ausdruck bringen. Vielleicht sollte ich den noch etwas ändern, damit es besser rüberkommt?

Klar will ich mich verbessern beim Schreiben, von daher nehme ich Deine Kritik im allerletzten Absatz ernst. Also Punkt 13. Und, nicht jeder studiert, viele Menschen kommen auch gern mit einfachen Sätzen klar. Da bin ich eh der Meinung, dass viel zu viel palavert wird nur um eine Aussage zu untermauern. Wird mir ja auch schon vorgeworfen.

Ergo, Kritik gerne. Aber nicht zu professionell sehen. Menschlicher. Nicht das kleine Detail zählt für mich, das Ergebnis, der Weg, ist wichtig. Wenn ich jetzt grammatikalisch völlig daneben gegriffen hätte, ok. Wenn der Ausdruck auf das Niveau von Yoda sinkt, ok. Dann wäre Kritik in der Form und Qualität gerechtfertigt. Aber nicht für ein kleines Blog, dass 2 mal im Jahr eine Kritik enthält.

Mehr kann es nicht werden, es würde einfach zu sehr den Rahmen sprengen. Aber die Kritik an meiner Kritik, die ich mir zu Herzen nehmen werde, ist dann der letzte Kommentar:

A: “Alle Fakten zu kennen, jeden Background auszuleuchten, empfinde ich gerade bei Kunst als extrem entmystifizierend. Ich will Kunst erfahren, fühlen, erleben. Ob ich dafür vorher Musik oder Malerei studiert haben muss? Aus meiner Sicht nein. Die Einleitung im Blog war eindeutig und hat erläutert, was folgt. Ein persönlicher Eindruck. Ich muss allerdings zugeben, dass es auf mich auch etwas unsortiert gewirkt hat. Mir hat der rote Faden in dem Text gefehlt . Jetzt mal unabhängig von Lord of the Lost. Man kann Musikjuwelen auch gelegentlich auf total schlecht abgemischten CDs ausmachen. Die Größe des Titels lässt sich dann zumindest erahnen. Und Musik wird immer subjektiv gehört werden. Der eine findet es sei ganz große Kunst, den anderen lässt es kalt. Die Frage ist, dürfen wir alle nur kritisieren, wenn wir absolute Fachleute sind? Oh wie still wäre dieser Planet…”

Danke Goldkehlchen. Das habe ich im Nachhinein beim zweiten und dritten Lesen dann auch gemerkt - mit dem roten Faden. Passiert mir meist, wenn ich etwas vorschreibe, danach sortiere und ändere. Und ja, ich hatte es absichtlich etwas “mager” gehalten …


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